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WARTEN AUF SCHEICH ABDUL-AZIZ - Aus Bd. III : Geisel in Moskau - Einblick / Leseproben / Epilog

 

 

Sheikh Abdul-Aziz in Faraya, Libanon. Juni 1974. Foto: die Autorin
Sheikh Abdul-Aziz in Faraya, Libanon. Juni 1974. Foto: die Autorin

 

 

Mit Scheich Abdul-Aziz in den libanesischen Alpen

Juni 1974

 

Nikolas Erzählung:

Es war der 24. August 1970

Bankiers

Entführung aus Zürich

Im Komitee der Technik

Natascha verliebt sich

Der Motor läuft

Ein Diplomatenpass

König Ibn-Sauds Cadillac

Mit dem Test-Modell durch Osteuropa

Rückkehr nach Montenegro

Im Netz der Roten Spinnen

Die Odyssee von Montenegro

Das unbarmherzige Schicksal eines

unbequemen Erfinders

 

Die Rettung der Maschine

Ein Patentantrag

 

Epilog

 

Buchanfang

 

 

Claudine hatte sich zurückgezogen, ihre Schritte waren in dem langen Flur verhallt. Sie hatte in den letzten Minuten nach Luft geschnappt, denn auch Paris, woher sie kam, liegt nicht in den Bergen. Sie wollte sich bis zum Abendessen ausruhen.

   „Und dann?“, fragte Sheikh Abdul-Aziz nun.

   „Und dann –?“, wiederholte er eindringlicher, „was geschah dann?“ 

   Er setzte sich in seinem Mahagoni-Sessel vor dem offenen Kamin, in dem ein Feuerchen leise knisterte, zurecht. Sheikh Abdul-Aziz fröstelte. Der maßgeschneiderte Anzug aus der Londoner Bond Street verdeckte wie eine starre, metallisch schimmernde Haut seine hagere Statur. Allein seine Knie, über die er ruhig die langen, schmalen Beduinenhände streckte, ließen Umrisse erkennen.

   Ein Funke aus der niedrigen Glut des Kamins sprang in seinen zitternden Adlerblick über, mit dem er die Geschichte, die er erwartete, bereits ins Visier nahm.

   „Und was passierte dann? Trug ich eine Mitschuld? Ich wusste nichts …“

   „Nur Allah weiß alles“, entgegnete ich leise auf seine Art und senkte den Kopf. Obwohl ich es nicht sah, war es mir klar, dass er nickte.

   „Ich war in den USA bei meinen Söhnen, und mein Privatsekretär hatte mich nicht unterrichtet.“

 

Die Höhenluft von Faraya in den libanesischen Bergen machte uns zu schaffen. Ich erhob mich und öffnete das Fenster des Chalet-Hotels, das im alpinen schweizerischen Stil errichtet war.

   Erst vor einer Stunde waren wir aus Beirut eingetroffen. Sheikh Abdul-Aziz, der aus Saudi-Arabien eingeflogen war, hatte aus Dschidda, der Hafenstadt am Roten Meer, seinen Freund und Berater, einen sympathischen Geschäftsmann, der wiederum von Claudine, seiner Freundin aus Paris, der Tochter eines berühmten Schachmeisters, begleitet war, mitgebracht. Im Libanon hatten wir uns verabredet, um einige Tage an einem stillen, dem Getriebe der Metropole Beirut fernen Ort in Gesprächen zu verbringen. Es war an der Zeit – eineinhalb Jahre nach Nikolas tragischem Tod, eine Folge der dramatischen Ereignisse von 1970 und 1971, als unser Leben, sowohl Nikolas wie meines, unter dem Motto gestanden hatte: Warten auf Scheich Abdul-Aziz …

   Nikola im Schatten des Kremls, Nikola und das sowjetische Gold, Nikola, der Geschäftsmann, Politiker, Dichter und Welt-Verbesserer, Nikola, der Ingenieur und sein treibstoffloser Automobil-Motor, Nikola, das Genie … Nikola, ein Mann zwischen zwei Hemisphären, der am Pendel der Weltpolitik hin und her geschleudert worden war und sich zuletzt vor allem zwischen zwei Herrschern sah:  Leonid Breschnjew, den er persönlich kannte,  und König Faisal von Saudi-Arabien, der ihn seit seinem politischen Asyl zum Schutz vor Titos Häschern, die ihm auf den Fersen waren, bei sich aufnehmen sollte … und wollte …

……………………………..

………………………

 

Ein kühler Wind wehte in Faraya – im Gegensatz zu der Schwüle Beiruts – in 1800 m Meereshöhe. Ich blickte einen steilen Abhang hinab. Im Winter verwandelte sich das Gelände in Skipisten. Doch an diesem Sommer-Wochenende des Jahres 1974 hatten sich nur wenige Hotelgäste in der luxuriösen Anlage eingefunden.

   Plötzlich ein Schuss in der Ferne, mehr Schüsse …

   Ich wandte mich um.

   Abdul-Qadir lachte. Er konnte nicht erbleichen, das Pigment seiner Haut ließ es nicht zu. Auch der Teint von Sheikh Abdul-Aziz hatte sich nicht verändert, obwohl er heller war.

   „Sie wissen es doch“, bemerkte Abdul-Qadir nahezu belustigt, „die Schüsse der Fedayin – überall im Libanon …“

   „Sie meinen die Palästinenser?“

   „Ja, im Libanon bezeichnet man solche Vorkommnisse doch als die Freudenschüsse der Fedayin bei ihren  Hochzeitsgesellschaften, und dann gibt es Tote!“

   „Aber hier, in Faraya?“

   „Dann ist es eben eine andere Hochzeitsgesellschaft!“

   Ich schloss das Fenster, und wir fröstelten vor der allmählich erlöschenden Glut des offenen Kamins mitten im Hochsommer.

   „Ich rufe den Kellner“, sagte Abdul-Qadir.

   Sheikh Abdul-Aziz wehrte ab.

   „Erzählen Sie aus dem letzten Kapitel des Lebens eines anderen Toten, den ich vor genau vier Jahren retten wollte …“

   Ich legte ein Bündel Papiere auf den niederen Kacheltisch zwischen uns. Ein Glanzkarton fiel zu Boden, ein Feuerschein flog darüber hinweg. Es war das Foto des ungehorsamen toten Helden Nikola. Er lachte, und Sheikh Abdul-Aziz, mein alter Freund aus Saudi-Arabien, lächelte zurück.

   Ein Genie blühte auf. Es erstand wieder. Und ich begann, die wesentlichen Teile aus Nikolas letzter Geschichte wiederzugeben, die ich als Nikolas Erzählung niedergeschrieben hatte und die nun in Englisch vor Sheikh Abdul-Aziz auf dem Tisch lag. Abdul-Qadir übersetzte:

   "Es war der 24. August 1970 …" .....

…………………………………


 

 

S. 156

 „Es ist nie zu spät“, warf Abdul-Qadir ein. „Die Zeit ist wie eine Sanduhr. Manchmal stockt sie, und der Sand staut sich. Danach rieselt er wieder.“ 

 „Ich werde“, unterbrach Sheikh Abdul-Aziz seine Gedankengänge, „die Sache erneut in Riad vortragen. Es ist schade um Nikola. Ich bedaure sein Ende zutiefst. Niemand von uns weiß, was geschehen wäre, hätte er überlebt. Nur Allah weiß es –“

Diesmal war ich es, die nickte.

„Allah weiß alles“, fuhr Sheikh Abdul-Aziz fort.

Gebannt lauschte ich seinen Worten:

„Es gibt kein Ausweichen, wir müssen uns der Not dieser irdischen Welt stellen. Und sie braucht uns … Das Petroleum wird eines Tages auch bei uns in Saudi-Arabien, wie in Kuwait, den Emiraten und sonst wo, zu Ende gehen, die Vorräte müssen gestreckt  werden, denn Industrie, Wirtschaft, Medizin benötigen vor allem die Nebenprodukte. Die Automobil-Industrie kann jedoch ohne Benzin auskommen, wenn es andere Lösungen gibt. Zur Umweltkatastrophe von 2034-36 kann ich nichts sagen. Nicht wir erschaffen die Natur, doch wir nutzen die Mittel, die sie uns schenkt. Wir bewässern Wüsten, wir fördern Erdöl, morgen wird es der Erdmagnetismus sein, den Nikola in Jahrzehnten des Nachdenkens und Berechnens zu einem technologischen System erfand. Auch er ist ein Bestandteil der von Allah erschaffenen Welt. Die Winde blasen über die Wüste hinweg. Nutzen wir das verfeinerte Produkt des Erdmagnetismus, es ist unerschöpflich, um die Not der Bevölkerung auf dieser Erde zu lindern.“

„Werden Sie nun abermals mit dem König darüber sprechen?“

„Er ist kein König in eurem Sinne“, erwiderte Sheikh Abdul-Aziz, „er ist Statthalter der Heiligtümer von Mekka und Medina.“

 

„Er wird es tun“, sagte Abdul-Qadir.

Dann flüsterte er:

„Insha’allah“.

 

Ein leises Rauschen strich an der Wand des Flurs entlang und tastete sich vor. Als die Tür sich öffnete, sprang Abdul-Qadir auf, wie wenn er einen ungebetenen Gast, ein Nachtgespenst, vermutet hätte.

   Er fasste sich an den Schädel und schien sich zu erinnern.

   Nur ein Kopf und eine hohe, weiße Küchenmütze waren zu sehen.

   „Sir“, sagte die Männerstimme ergeben, „Sheikh Abdul-Aziz hat das Dinner für Mitternacht bestellt. Es ist Mitternacht. Das Essen ist angerichtet – für vier Personen.“ 

   Dann fügte der Küchenchef zaghaft hinzu: „Aber ich sehe nur drei –“

   Abdul-Qadir beruhigte ihn: „Wir sind zu Viert.“

 

Claudine hatte sich in den Abendstunden in der Reinheit der Höhenluft von Faraya erholt. Sie hatte die Garderobe gewechselt und sah prächtig aus. Sie verströmte ein Flair von Paris.

   Im Speisesaal setzte sie sich mir gegenüber. Sie hob – mit einem Seitenblick auf den Kellner  – das noch leere Weinglas und sprach mich sofort an:

   „Madame, je vous demande pardon. Ich bitte um Entschuldigung für meine lange Abwesenheit. Ich hoffe, ihr habt euch inzwischen gut unterhalten –“

 

 

 

 

Epilog

 

Anfang April 1975 traf ich Sheikh Abdul-Aziz wieder. Ich war mit meiner Familie nach Beirut übergesiedelt. Abermals befand er sich in Begleitung seines Freundes Abdul-Qadir.

Sheikh Abdul-Aziz trug eine wahrhaft königliche Botschaft bei sich, die er mir offenbarte:

„Saudi-Arabien steht mit unbegrenzten Mitteln hinter diesem Projekt. Ich wiederhole: With unlimited funds!“

Die Gründung eines Konzerns wurde beschlossen. Nach zwei Wochen sollten die endgültigen Formalitäten mit Sheikh Abdul-Aziz erfolgen.

Inzwischen flog er nach Riad zurück.

Wenige Tage später brach der libanesische Bürgerkrieg aus, der siebzehn Jahre dauerte und alles zunichte machte. Wir erlebten das Inferno, obwohl ich mit meinen Angehörigen, wie in den Jahren zuvor während meiner Aufenthalte in Beirut, unter dem persönlichen Schutz von Kamal Dschumblat, dem Drusenfürsten und Politiker, stand. Er war auch der Letzte, den ich in der Nacht vor unserer Flucht aus dem Libanon sah. Ein Palästinenser-Kommando beförderte einige Kisten mit persönlichen Effekten zum Airport Beirut. Die Artillerie feuerte. Es gab keine Zollabfertigung mehr. Einige Wochen später trafen die Kisten ohne Zollstempel, nur mit den nötigsten Papieren versehen und ohne eine vollständige Adressenangabe, in Nizza ein – darunter jene, die die Moskauer Teile von Nikolas Test-Modell enthielten …

Nach dem Ausbruch des libanesischen Bürgerkrieges 1975 verließ Sheikh Abdul-Aziz sieben Jahre lang sein Land nicht mehr. 1976 wurde sein Schwager, König Faisal, ermordet. 1977 traf das gleiche Schicksal Kamal Dschumblat.

In Italien wurde ein Patentantrag für das technologische Prinzip der Erfindung vorbereitet. Ein nicht zu Ende geführtes Test-Modell mit neuen Materialien geriet in ein Erdbeben. Der Patentantrag wurde Ende 1979 eingereicht, konnte jedoch nicht weiter verfolgt werden. Die Magneten des Modells waren fehlerhaft hergestellt.

Die Maschine erlebte zwischen 1988 und 1989 in New York noch eine Reihe weiterer Abenteuer, zu denen es umfangreiche Illustrationen gibt. Das Wort vom drohenden Klimawandel  galt in westlichen Ohren als purer Unsinn. Allein die Sowjets, die sich entgegen allen Voraussagen wieder in Russen verwandelt haben, dürfte angesichts der Weite ihres Reiches der treibstofflose Steppen-Panzer nach wie vor interessieren. Ihr einstiger Herrscher, Leonid Breschnjew, verbrachte schon in der damaligen Epoche schlaflose Nächte in Ängsten vor möglichen Aufständen der ethnischen Minderheiten, vor allem der Usbeken, und ließ, wie die Mär berichtet, winzige Panzer-Modelle über gefüllte Wodka-Gläser rollen (siehe Band I).

Seit Ende 1989 ruht das Modell Nikolas, Gerümpel in Kisten. Es wurde nicht mehr angerührt. Die Pioniere sind tot.

Und ich begann, die Geschichte in drei Bänden aufzuschreiben: WARTEN AUF SCHEICH ABDUL-AZIZ – Am Pendel der Weltpolitik – Der Meisterspion von Beirut – Geisel in Moskau.


 

Memoiren zwischen Ost und West …

zwischen Orient und Okzident ...