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WARTEN AUF SCHEICH ABDUL-AZIZ - Aus Bd. II : Der Meisterspion von Beirut - Einblick / Leseprobe

ERSTER TEIL

 

Beiruts Villa Aftimos

In der Zwickmühle eines sowjetischen Meisterspions

Das Nest der Agenten

Meine Nikola-Mission droht zu scheitern

Verschwörung um meine Entführung

Madame la Flamme

Der Katalysator aus der Wüste

Wiedersehen mit Kamal Dschumblat

Nikola in Bedrängnis in Italien

Polit-Thriller im Hotel Beau-Rivage

Ägyptens Film-Asse Helmi Rafla und Farid Chawki

Drusische Intrigen

Ein Palästinenser namens Dr. Georges Habbasch

Walid Dschumblat will heiraten

Im Visier eines israelischen Jagdbombers

Ein Zufall wie im Märchen


 

ZWEITER TEIL


Mittagessen bei Kamal Dschumblat

Das rettende Komplott von Ankara

Attentat auf Nikola in Latina

Wieder in Beirut

Die Freude der Sowjets

Hitler in Öl auf Schloss Muchtara

Nur selten tanzen die Ikonen

Wie Schwarze weiß werden und Weiße schwarz

Überfall oder Die Koptische Lektion

Asyl in der Villa Aftimos

Präsident Nasser sagt zu

Soiree im Grand Hotel Balin in Ankara

oder Die Suche nach dem Stein der Weisen

Neue Mission nach Beirut

Warten auf Scheich Abdul-Aziz

oder Nachtflug in die Emirate

Verblendung aus Moskau

Russisch Roulette

Scheich Abdul-Aziz erscheint

 

 

 

ZITAT

 

"Ich will die sichtbaren Dinge, die sich hinter der Wirklichkeit verbergen, ans Tageslicht führen. Und diese Wirklichkeit strotzt von Ungerechtigkeit. Die Ungerechtigkeit hat eine Gestalt: das soziale Elend, das jeder sieht und über das jedermann in diesem Land, dem Libanon, hinweglügt. Außer mir scheint niemand die sichtbaren Dinge im Rücken der Wirklichkeit beim Namen nennen zu wollen. Sichtbar ist die Freude, für eine Veränderung der Wirklichkeit in Ehren zu sterben ..."

 

Kamal Dschumblat

Bd. II

 

 

ZITAT

 

"Flüchtlinge sind wie die Kleidermotten, niemand will sie. Und doch fressen sie sich bei Dunkelheit durch den Stoff des Lebens"

 

Arnold Kahán,

ungarischer Pianist im Grand Hotel Balin

Bd. II

 

 

ZITAT

 

"Eine offene Tür ist mehr wert als ein Berg von Hoffnungen, vor dem man steht"

 

Der Meisterspion

(Russisches Sprichwort)

Bd. II

 

 

S. 187

Im Zwielicht des hellen Tages, der an den Fenstern und dem Gemäuer entlangfloss, und der elektrischen Glühbirnen über dem Tisch mit dem aufgelegten, kalten Silber stahlen sich auch meine Gedanken in Entsetzen fort – in Richtung des Ganges, von woher Stimmen raunten.

Ich wünschte, der Hausherr würde die Tafel aufheben.

Die Gerüchteküche brodelte. Männer, so schien es, kamen und gingen. Totenanbeter. Eine Prozession von Worten folgte der nächsten. Kamal Dschumblat war tot – „es lebe Kamal Dschumblat!“

Aufrecht in sich versunken – so saß er da.

Aus einem der Gemächer jenseits des Korridors klapperte Herdgeschirr. Dann fiel ein riesig runder, ziselierter arabischer Messingteller zu Boden, auf Gestein, ein Messingmond. Sein Klang verhallte mit ungeheurer Wucht im Pendel der Zeit zum Ton des Gongs, wie in einem buddhistischen Kloster.

Mit einer leisen Regung seines Fingers zeigte Kamal Bey mir an, dass wir uns erheben sollten. Das Mahl war beendet.

Er führte mich in eine Ecke, in der er gewöhnlich seine Gäste empfing, und ließ sich in einem Schaukelstuhl nieder. Der Diener servierte Mokka von dem Messingmond, der den Unfall unbeschadet überstanden hatte, und stellte eine brennende Kerze auf.

Wir sprachen nun nur noch über Nebensächlichkeiten. Keiner von uns hatte bisher Walid erwähnt.

 

Als ich mich von Kamal Dschumblat verabschiedete, sagte er, dass er nun für den Rest des Tages und die Nacht nach Muchtara fahren werde, um zu meditieren.

„Wenn Sie aus Ankara zurückkehren, Sigrid, lade ich Sie nach Muchtara ein. Walid wird Ihnen dann etwas Interessantes zeigen.“

Das war alles.

Mein alter drusischer Fahrer, von dem ich nun wusste, dass er in Wirklichkeit mein von Kamal Dschumblat abgestellter Leibwächter für Ausfahrten, insbesondere zu den Russen, war, brachte mich ins Hotel zurück. Die Welt war wieder im Lot.

„Neues über Walid?“ – erkundigte er sich.

„Nein“, schüttelte ich den Kopf, „aber Walid wird mir bald etwas Interessantes zeigen.“

„Da bin ich gespannt“, meinte er, so als setze er voraus, dass ich mich ihm anvertrauen würde. Diesmal verbarg ich meine Ängste im Herzen des Dschumblat’schen Mercedes –  vor allem die Angst, dass Nikola niemals Muchtara sehen würde. Ich hatte ein unheimliches Gefühl, während der Mercedes-Stern über den Asphalt längs der Küste flog, an der einst – wegen Kamal Dschumblat – die amerikanischen „Marines“ mit schwerem Kriegsgerät gelandet waren. Vielleicht sollte Nikola seinen Flug ins saudische Königreich doch nur für ein Treffen mit Sweschnikovs Delegation am Airport Beirut unterbrechen.

Eine Flut einander widerstrebender Furchtgedanken kam in mir auf.

 

Das Beau-Rivage lag wie ausgestorben da. Der Staatsgast schien nichts als ein Spuk gewesen zu sein. Von Farid wurde mir eine Nachricht übermittelt, dass er mit einem Freund in sein Landhaus in den Bergen ausgeflogen sei und erst spät oder in der Morgenfrühe zurückkehren werde. War Dr. Habbasch  eingetroffen? Der Chef de Reception konnte mir keine Auskunft erteilen.

Ich ging in Farids Büro und schrieb einen Zettel. Auf einem Tisch stand die Flasche Krim-Sekt mit drei Sektgläsern. Ich faltete das Blatt und steckte es tief in den mittleren Kristallschlund.

„Ich weiß alles. Ich verdanke dir meinen Bewacher – wegen Lulukoff. Au revoir“, lautete mein Gruß.

Dann begab ich mich zum Airport Beirut.

 

Ich bin eine Anglerin der Zeit – dachte ich, als die Maschine Zypern überflog. Ich angele nach Zeit, ich fische Zeit, ich fange Zeit ein. Wer nicht angelt, kann auch nichts fangen – nicht einmal Zeit. Was ich erlebt hatte, war ein Roman der Zeit. Zu keinem anderen Zeitpunkt hätte er stattfinden können. Noch war er nicht zu Ende. Mein Talisman, die Angel, müsste neu gestreckt werden, und beim nächsten Wurf würde ich weit in die Zukunft ausholen müssen, um hinter den Roman der Gegenwart und Vergangenheit einen Schlussstrich ziehen zu können.

Die Zeit, die ich eingefangen hatte, nahm sich meiner an; meine Gedanken wurden zu Silberfischen, die unten am niedrigen Horizont verschwammen. Zypern, wo Makarios für mich bereits Vergangenheit war, ließ ich hinter den Flügeln zurück und tauchte in den türkischen Luftraum ein.